Das vom Quartiersmanagement Letteplatz finanzierte Projekt "Schreibwerkstatt Lettekiez" von Claudia Mattern und Mathias Hühn hat eine Wandzeitung herausgegeben. Das Thema: "Zusammenleben". Es geht um persönliche Erlebnisse, Vorurteile, Ansichten, Rassismus, Respekt, Offenheit und um Mut. In der Zeitung berichten Kinder, Jugendliche und Erwachsene von ihren Erfahrungen, die sie als Deutsche mit oder ohne Migrationshintergrund gemacht haben.

 

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Die Texte in voller Länge

Da nicht alle Texte in voller Länge abgedruckt werden konnten, haben Sie hier die Gelegenheit, sie vollständig zu lesen.

 

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„Was fehlt, ist differenziertes Denken“

 

Die Fremdenfeindlichkeit entsteht, weil die Leute Ängste haben. Ängste wie: „Die Flüchtlinge nehmen mir die Wohnung weg“, „Die kriegen mehr Geld“, „Die nehmen mir die Arbeit weg“. Was wir alles schon so gehört haben! „Jeder Flüchtling bekommt ein neues Handy“! Wenn man dann nachfragt, woher weißt du das, sagen sie: von Facebook. Dass Handys für Flüchtlinge überlebenswichtig sind, daran wird überhaupt nicht gedacht. Was fehlt, ist differenziertes Denken. Wir scheren alle über einen Kamm: die Türken, die Araber, - und sehen nicht, dass es sich um einzelne Menschen handelt. Teilweise sind die Ängste von vielen dumpfen Vorurteilen getragen. Wahrscheinlich ist die selektive Wahrnehmung menschlich: Wir hören immer nur das, was unser Urteil bestätigt. Was außerhalb dieser Bestätigung liegt, fällt einfach durch ein Sieb, das nehmen wir gar nicht wahr. Dass man für Missstände einen Schuldigen sucht, ist ja auch bequem.

Ich frage mich manchmal, wo bleibt eigentlich die Neugierde? Ich war immer neugierig und habe meinen ausländischen Freunden Löcher in den Bauch gefragt. Wie macht ihr das, wie feiert ihr das? Diese Neugier geht wahrscheinlich völlig abhanden und weicht einer latenten Angst.

Man muss in allen Bereichen Aufklärung betreiben, die Leute zusammen bringen und mehr miteinander sprechen. Deswegen muss man immer nachfragen und mit den Leuten reden. Wenn die Leute andere Meinungen hören und Widerspruch erfahren, fangen sie an nachzudenken. Wenn keiner widerspricht, denken sie, ihre Ansicht ist die Ansicht von vielen. Auch viele ältere Leute informieren sich ausschließlich bei Facebook. Und dann kommt die AfD! Gegen die Falschinformation muss etwas getan werden.

 

Helmut Beyer und Gudrun Emel von Aladin e.V.

Die Aladin Bedürftigenhilfe e.V. organisiert u.a. kostenlose Bücherschränke in Einrichtungen sowie Büchertische auf Veranstaltungen und bietet regelmäßig Schrift- und Formularhilfe an.

 

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„Ich träume von einer Gesellschaft ohne Rassismus“

Ich wurde vom Senat als Lehrer in einer Willkommensklasse in Hohenschönhausen eingestellt. Die Kinder kamen aus verschiedenen Kulturen und hatten unterschiedliche Wissenslevels. Aber ich hatte bald das Gefühl, dass ich für die Schulleiterin ein Experiment war. Anfangs hat sie mich vor meinen Kollegen gelobt: David ist Lehrer, der erste Roma in Deutschland. Daraufhin haben meine Kollegen angefangen, hinter meinem Rücken über mich zu sprechen. Ich habe mitbekommen, wie sie sich getroffen haben, eine Kollegin hat geschrien: Ich habe keinen Platz mehr wegen David Cobzaru! Es war crazy, alle waren gegen mich und haben schlecht über mich gesprochen. Und dann ist die Schulleiterin mehrmals in meine Klasse gekommen, um zu sehen, was ich mit dem Kindern mache.

Ich wurde so stark gemobbt, dass ich nach anderthalb Jahren gekündigt habe. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich habe die Kinder geliebt, und ich habe gesehen, wie sie sich fühlen, wenn sie spüren, dass sie willkommen sind. Wir haben uns am Anfang mit Händen und Füßen verständigt. Wir haben verschiedene Ausflüge gemacht, damit sie Berlin kennenlernen. Es war zuviel für mich, ihnen zu sagen, dass ich gehe. Ich habe es nicht gesagt.

Daraufhin habe ich als Sozialarbeiter und als Berater für Neuzuwanderer aus Rumänien gearbeitet. Als ich mit einem Roma zur Wohnungsbesichtigung war, kam ich mit meinem Fahrrad aus dem Haus. Jemand aus dem Gebäude hat uns gesehen und geschrien: Das ist unser Fahrrad, warum bist du hier? Er hat die Polizei angerufen, aber er konnte nicht beweisen, dass ihm das Fahrrad gehört. Ich habe dem Polizisten erklärt, dass ich der Berater der Kundin bin und dass das Fahrad mir gehört, aber der Polizist hat mir nicht geglaubt. Der Polizist hat mein Fahrrad mitgenommen! Als ich es wieder von der Polizeistation abgeholt habe, hat sich der Polizist nicht einmal entschuldigt.

Einer der Träger, für den ich gearbeitet habe, engagiert sich in Kreuzberg gegen Extremismus und führt verschiedene Projekte für Roma durch. Aber er hat nichts unternommen, um mich zu schützen, weil das Projekt, in dem ich gearbeitet habe, vom Senat finanziert wurde. Die Träger wollen auf dem Papier politisch korrekt sein, aber sie setzen es nicht um. Sie wollen Roma nicht integrieren, sondern assimilieren. Integration heißt: wir sind unterschiedlich, aber wir leben in Frieden miteinander. Assimlierung heißt: vergiss deine Identität und sei wie ich. Dann verleugnet man sich selbst, weil man etwas anderes sein will als das, was man ist. Deswegen halten sich nicht nur viele Roma zurück von den „Integrations“(Assimilations)-Programmen.

Die Roma haben seit der Nazi-Zeit nur mit Angst gelebt. Aus Angst, zurück nach Rumänien geschickt zu werden, sprechen sie nicht. Viele wissen nicht, dass sie Rechte haben. Die Roma wissen nicht, dass sie hätten entschädigt werden können, weil ihre Großeltern von den Nazis getötet würden. Die Roma besaßen viel Gold, das ihnen die Nazis geraubt haben. Das Gold wurde ihnen nicht zurück gegeben.

Viele lernen auch nicht die deutsche Sprache, weil sie sich in Deutschland nicht integriert fühlen. Ich möchte, dass wir Roma gehört und respektiert werden, damit unsere Kinder selbstbewusst aufwachsen und wir alle zusammen ohne Angst leben können.

Ich träume von einer Gesellschaft ohne Rassismus, in der wir uns gegenseitig akzeptieren und in Frieden miteinander leben.

 

David Cobzaru

David Cobzaru ist ehrenamtlicher Mitarbeiter von Teen Challenge.

 

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„Spreche ich so undeutlich?“

 

Wir haben uns mal für eine Wohnung bei der GESOBAU im Märkischen Viertel beworben. Wir brauchten unbedingt so schnell wie möglich eine Wohnung, aber jedes Mal hieß es, die ist schon weg. Die Wohnungsangebote waren aber trotzdem noch im Internet. Bis ich dann angerufen und gesagt habe: „Sagen Sie, wollen Sie uns veräppeln?“

Da hat der Mann der GESOBAU gefragt: „Wie lange sind Sie hier in Deutschland?“ Ich habe gesagt: „Ich rede doch mit Ihnen Deutsch. Spreche ich so undeutlich?“ – „Ja, aber wir müssen wissen, wie lange Sie schon in Deutschland sind.“ Da weiß man gar nicht, wie man darauf reagieren soll. Ich habe daraufhin gesagt: „Wissen Sie was, wir brauchen Ihre Wohnung nicht.“

Solche Dinge passieren oft. Ich sehe nicht ganz so türkisch aus und trage kein Kopftuch. Aber ich denke, die Frauen mit Kopftüchern haben ganz große Probleme. Ich habe vor Kaufland mal einer älteren Frau mit Kopftuch geholfen, ihre Einkaufsroller im Einkaufswagen zu verstauen. Ein älterer Mann hat den Wagen weggeschubst und gepöbelt, von wegen Kopftuchweiber und so.

In unserer Gartenkolonie heißt es, ausländische Kinder seien sowieso lauter als deutsche. Wir haben eine neue deutsche Familie mit extrem lauten Kindern rein bekommen. Aber keiner beschwert sich über sie. Unsere Kinder brauchten nur zu lachen, dann standen die Leute schon an unserem Tor, um sich zu beschweren.

In unserem Verein sitzen die Türken auf der einen und die Deutschen auf der anderen Seite. Ich habe versucht, zu vermitteln, und mittlerweile gehen die Türken auch zu den Festen. Früher sind sie nicht hingegangen, weil sie das Gefühl hatten, nicht dazuzugehören. Aber dazu gehören meiner Meinung nach immer beide Seiten. Die Leute sehen die Kopftücher und sperren sich. Die Ausländer haben Probleme, sich anzupassen, aber man muss sie mit ihren Schwächen und Stärken auch akzeptieren.

 

Derrin Tanis

Derrin Tanis ist Mitarbeiterin im Sonnencafé des Familienzentrums Letteallee.

 

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“Es reicht aus, dass man Ausländer ist“

 

Vor zehn Jahren, ich war 16 oder 17 Jahre alt, trug ich noch ein Kopftuch und wollte meine Schwester im Prenzlauer Berg besuchen. An der Ampel ist ein Auto an mir vorbei gefahren, der Fahrer hat mir seinen Mittelfinger gezeigt und geschrien: Scheiß Ausländer. Solche Zwischenfälle, bei denen einem Kanake oder Scheiß Ausländer hinterher gerufen wird, passieren oft.

Ich denke, es reicht aus, dass man Ausländer ist, man muss nicht einmal etwas tun. Erst recht passiert es Müttern mit Kindern, wenn sie mit einem Kinderwagen vielleicht unabsichtlich den Weg versperren.

Frauen mit Kopftuch werden mehr angefeindet. Seitdem ich kein Kopftuch mehr trage, passieren mir solche Dinge nicht mehr.

 

Derya

Derya lebt im Lettekiez.

 

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„Wenn man ein Vorurteil im Kopf hat, handelt man danach“

 

Wir sind 2000 aus Turkmenistan nach Braunschweig gezogen, da war ich zwölf Jahre alt. Meine Eltern sind russisch-ukrainischer Abstammung, in Turkmenistan waren wir sozusagen ‚Fremdlinge’. Manchmal gab es gegenüber der russischen Bevölkerung Vorurteile, aber der Umgangston und Mobbing waren nicht so schlimm wie in Deutschland.

In meiner Heimat gab es ein ganz anderes Miteinander, weil man nicht nach dem beurteilt wurde, was man besitzt. Die Freundschaften in Turkmenistan waren tiefer und nicht am Wohlstand und am Status orientiert. Das Soziale stand mehr im Vordergrund als ‚mein Haus’, ‚mein Auto’, usw.

Weil ich in Deutschland in der Schule nicht so gute Erfahrungen im gegenseitigen Umgang mit den Lehrern und Schülern gemacht habe, stand ich anfangs der deutschen Sprache und Büchern auf Deutsch nicht so freundlich gegenüber. Ich wurde ausgegrenzt, weil ich bessere Leistungen hatte als andere Schüler. Gute Noten zu haben war nicht okay, dann wurde man beschimpft. Aber ich bekam schlechte Noten im Sozialverhalten, weil ich nicht mit den Schülern zusammen arbeiten wollte. Bei Gruppenarbeiten fiel fast alle Arbeit auf mich. In der Oberstufenzeit wurde der Umgang miteinander besser. Ich hatte fast ausschließlich Migranten als Freunde, weil wir die gleichen Probleme damit hatten, von einigen Lehrern nicht als vollwertig angenommen zu werden.

Ich denke, ich habe damals einfach nicht gepasst. Das, was die Schüler hier interessiert hat, Party, am Wochenende feiern, Blödsinn anstellen, usw. hat mich nicht interessiert. Deswegen bin ich auch nie gern in Deutschland zur Schule gegangen. In meiner Heimat bin ich gerne hingegangen, auch wenn ich krank war.

Dafür habe ich jetzt gute Freunde, auch deutsche. Mein Mann ist in Deutschland geboren, seine Großeltern sind Russisch-Deutsche.

Wenn man ein Vorurteil im Kopf hat, handelt man danach. Es ist einfach, Zeitung zu lesen und sich z.B. über die Situation mit den Flüchtlingen zu beschweren. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Durch den Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern merkt man, dass man nicht verallgemeinern kann und dass vieles nicht stimmt.

 

Karolina Fichtner

Karolina Fichtner ist ehrenamtliche Mitarbeiterin von Teen Challenge.

 

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„Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen“

 

Fremdenfeindlichkeit habe ich innerhalb unserer Kinder- und Jugendgruppen erlebt. Da prallen ganz verschiedene Welten aufeinander. Ich habe erlebt, dass die Kinder das wiederholen, was sie zuhause von ihren Eltern über „Ausländer“ hören: dass sie Arbeitsplätze wegnehmen, dass sie schmutzig sind, dass sie laut sind. Mit diesen Vorurteilen kommen die Kinder in die Gruppe.

In unserem Essensprojekt kocht jede Gruppe ein Essen aus ihrem Land. Neulich war rumänisches Essen an der Reihe. Da war erst mal zu hören: Nein, das esse ich nicht, was ist das denn? Ich habe gefragt: Hast du das denn schon mal probiert? Du weißt doch gar nicht, wie es schmeckt.

Die rumänischen Kinder waren natürlich verletzt und hatten nicht mehr so viel Lust, das Gericht vorzubereiten. Wir haben das in der Gruppe thematisiert, und die Meinung der Kinder ist ganz schnell umgeschlagen in: Vielleicht sollte ich das wirklich mal probieren. Nachher hat es wirklich allen geschmeckt, das war toll.

Wir versuchen, durch kleine Sachen Verständnis für das Fremde aufzubauen. Wenn ich der Person, die mir gegenüber sitzt, zuhöre und sie frage, was ist denn deine Geschichte, wenn ich mich mit ihr auseinander setze, hilft mir das, mein Gegenüber besser zu verstehen. Ich kann mich in die Person hineinversetzen: Wie wäre das für mich, wenn ich auf einmal mein Land verlassen müsste? Und dann komme ich hier an, verstehe die Sprache und die Kultur nicht, und das Essen ist mir fremd: Nur Kartoffeln!

Sobald ich mich persönlich mit der Geschichte der Menschen auseinander setze, komme ich in Kontakt. Dann entsteht eine ganz andere Ebene, als wenn ich nur die Masse sehe. Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, weil so Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit überwunden werden können.

 

Kristiane Boshold

Kristiane Boshold arbeitet als Tanz- und Bewegungstherapeutin bei Teen Challenge.

 

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Was hat das mit „Willkommenskultur“ zu tun?

 

Ich arbeite mit Kindern einer Willkommensklasse und ihren Familien in Reinickendorf-Ost. Die Willkommensklasse ist räumlich von den anderen Klassen getrennt, sie wird nur von einer Lehrkraft unterrichtet und hat nur in den Pausen Kontakt zu den anderen Kindern. Diese räumliche Trennung symbolisiert eine Haltung, die sehr kritisch zu hinterfragen ist. Als separate Klasse sind die Kinder angreifbar, Konflikte sind vorprogrammiert, Beschimpfungen wie „Zigeunerklasse“ ist nur ein Beispiel. Was hat das mit „Willkommenskultur“ zu tun?

Die Kinder werden durch diese ersten Diskriminierungserfahrungen in Deutschland geprägt. Natürlich leiden sie darunter, und sie zeigen das deutlich. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden in der Schule weder als solche wahrgenommen noch benannt und kaum thematisiert. Als jemand, der mit diesen Kindern arbeitet, treffe ich außerhalb der Schule viele Menschen, die den Kindern anders begegnen, worüber ich mich sehr freue.

 

Eine Projektmitarbeiterin